Heteropteryx dilatata
Heteropteryx dilatata

Gespenstschrecken

 

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Die Familie der Gespenstschrecken (Phasmatodea) umfasst weltweit ca. 3000 Arten. Fast alle sind wärmeliebende Tiere der Tropen; im Mittelmeergebiet kommen nur ganz wenige Arten vor. Manche können sich mit einem übelriechenden oder ätzenden Sekret gegen Feinde verteidigen, die meisten aber sind völlig wehrlos und vertrauen allein auf eine gute Tarnung, dank derer selbst die großen Arten, wenn sie reglos in ihren Futterpflanzen sitzen, kaum auszumachen sind.

Mit „Gespenstschrecken“ meint man im Deutschen meist die mit bizarren Anhängseln versehenen Arten, die dünnen stabförmigen werden als „Stabheuschrecken“ bezeichnet, die ganz flachen, blattartigen sind als „Wandelnde Blätter“ bekannt.

 

Da die Tiere tagsüber regungslos in ihren Futterpflanzen sitzen, bietet ein Terrarium mit Phasmiden zugegebenermaßen nicht besonders viel „action“. Dafür sind sie durch ihr bizarres Äußeres faszinierend, und oft auch durch ihre schiere Größe: Heteropteryx dilatata gehört mit 30-50 g Gewicht zu den schwersten Insekten überhaupt, und die riesige Stabheuschrecke Phobaeticus serratipes ist inclusive ihrer endlos langen, klapprigen Beine mit einem halben Meter Länge das längste Insekt weltweit (streiten wir uns nicht um Millimeter, man will jetzt weitere Arten der Gattung Phobaeticus entdeckt haben, die noch eine Spur länger sind).

 

Im Vergleich zu anderen interessanten Insekten sind viele Gespenstschrecken ausgesprochen leicht zu halten. Für viele Arten reicht Zimmertemperatur aus; zusätzliche Heizung und Belichtung brauchen sie nicht. Einige sind Nahrungsspezialisten und fressen nur Pflanzen bestimmter Gattungen oder Pflanzenfamilien; für solche Arten kann die Nahrungsbeschaffung zur Herausforderung werden. Viele andere nehmen in Menschenobhut jedoch mit den Blättern von Brombeeren vorlieb, die ja sogar den Vorteil haben, wintergrün zu sein und also rund ums Jahr zur Verfügung zu stehen („wintergrün“: das Laub bleibt über den Winter grün und vergeht erst, wenn das neue im Frühjahr austreibt - im Gegensatz zu "immergrün").

 

In der Natur vermehren sich die Arten zweigeschlechtlich; es gibt Männchen und Weibchen. In Ermangelung von Männchen können viele Arten aber auch parthenogenetisch (durch „Jungfernzeugung“) Eier legen, denen wiederum nur Weibchen entschlüpfen. Bei Arten wie der Stabheuschrecke Carausius morosus treten unter tausenden von Weibchen immer nur als große Ausnahme einzelne Männchen auf, die aber offenbar gar nicht gebraucht werden.

Die Eier werden einzeln fallen gelassen, sind relativ groß und ähneln oft Pflanzensamen. Und so sollten wir sie auch behandeln: in ein Torf/Sand-Gemich „ausgesät“, wenige mm mit Substrat bedeckt und immer leicht feucht (nicht nass!) gehalten, schlüpfen die Larven – allerdings oft erst nach 6-9 Monaten, hier braucht man also Geduld. Es ist faszinierend mitzuerleben, wie die Tierchen von Häutung zu Häutung den Erwachsenen ähnlicher werden, und vor allem: wie ein so großes Tier einer viel kleineren Haut entschlüpft und bei dem Häutungsvorgang alle Anhängsel, Fühlerglieder, die endlos langen Beine etc. makellos und fehlerfrei irgendwie aus der alten Haut gezogen werden. Auch wenn ich es schon oft gesehen habe: für mich ist die Häutung der Insekten immer noch ein Wunder.

Extatosoma tiaratum

(Australische Gespentschrecke)

 

Diese Art ist die absolute Anfängerart unter den Phasmiden. Unempfindlich gegen schwankende Zimmertemperaturen und trockenere Luft, leicht mit Brombeeren (oder Himbeeren, Rosen, Hainbuche, Eiche…) zu ernähren. Interessant ist der auffällige Geschlechtsdimorphismus: die Weibchen tragen ihren prall mit Eiern gefüllten Hinterleib skorpionsartig aufgerollt und sind überall mit blattartigen Anhängseln und Stacheln besetzt, die Männchen sehen aus wie eine völlig andere Gattung: schlank gestreckt und mit großen, schmetterlingsartigen roten Flügeln, die in Ruhe sehr ordentlich wie ein Fächer längs zusammengefaltet werden. Die stattlichen Tiere sind dennoch völlig harmlos.

Durch die problemlose Haltung eignet sich die Art für den Einstieg in die Welt der Insekten und kann auch Kindern Haltungserfolge bescheren. „Die habe ich früher auch mal gehabt“, sagen viele und erinnern sich, wie problemlos sich die Art vermehrte, bis es irgendwann zu nervig wurde, dauernd Brombeerzweige zu beschaffen. Und dann hat man die nächsten terraristischen Herausforderungen gesucht und sich „hipperen“ Arten zugewandt; und dabei fiel die Australische Gespenstschrecke hinten runter.

Und wie es mit vielen ehemals problemlosen und „banalen“ Tieren und Pflanzen ist: plötzlich hat kaum noch jemand einen richtig gesunden, vitalen Stamm in Kultur! Viele haben heute irgendwie kein Glück mehr mit der einst so unkaputtbaren Art, die Eier schlüpfen nicht mehr, die Larven sterben ab… ist es Inzuchtdegeneration durch jahrzehntelange Terrarienhaltung? Vor allem bei den vielen Terrarienstämmen, denen die Männchen abhanden gekommen sind und die sich seit langem nur noch durch Jungfernzeugung vermehreren.

Freut euch auch über das Vertraute, und kümmert euch auch um das, was ihr sicher zu haben glaubt! Das gilt für den Partner, unseren blauen Planeten – und auch für die Anfängergespenstschrecke Extatosoma tiaratum.

Phyllium giganteum

(Großes Wandelndes Blatt)

 

Die Wandelnden Blätter stellen etwas höhere Haltungsansprüche und gedeihen am Besten tatsächlich in einem Terrarium mit „tropischer“ Temperatur und Feuchtigkeit. Werden sie zu trocken gehalten, gelingt die Häutung nicht, und es gibt Verkrüppelungen. Auch die Schlupfrate der Eier ist geringer und der Ausfall bei den Heranwachsenden größer.

Es gibt etliche Arten, das erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckte Phyllium giganteum ist die größte und schönste.

Heteropteryx dilatata

(„Dschungelnymphe“)

 

Diese Art ist der absolute Knaller: Die Weibchen werden 15 cm lang und bis zu 50 g schwer und sind mit ihrer leuchtend grünen Farbe sehr spektakulär. Die Männchen sind wie bei Extatosoma von völlig anderer Gestalt, schlank, lang gestreckt und geflügelt.

Die Dschungelnymphen brauchen mehr Feuchtigkeit und sollten allabendlich gesprüht werden, gierig trinken sie dann die Tropfen. Die großen Eier werden mittels eines spitzen, schnabelartigen Legeapparates in feuchtes Substrat gebohrt, die Larven schlüpfen oft erst nach einem Dreivierteljahr. Die jungen Larven sind tarnfarbig schwarz-weiß gescheckt, ballen sich tagsüber reglos an ihrem Ruheplatz zusammen und wirken dann wie ein trockenes Blatt oder Vogelkot. Die tolle grüne Farbe stellt sich erst im Erwachsenenstadium ein.

Die riesigen Tiere müssten für viele Vögel, Affen und andere Fressfeinde ein gefundenes Fressen darstellen. Doch anders als viele andere Phasmiden sind die erwachsenen Weibchen durchaus nicht ganz wehrlos und ziehen eine beeindruckende Show ab: Zuerst zischen sie einen zur Abschreckung wie eine Schlange an. Die Beine sind wie furchtbare Rosen- oder Brombeerzweige mit robusten Stacheln bewehrt, werden dem Angreifer drohend entgegengereckt und , wenn man mit dem Finger dazwischen gerät, klappmesserartig zusammengeschlagen, was sehr schmerzhaft sein kann. Will man solche Blessuren vermeiden, muss man sehr ruhig und geduldig mit den Tieren hantieren.

 

Aber dennoch – oder gerade deswegen - ist die Dschungelnymphe ein spannendes und faszinierendes Tier!